Kult der Dringlichkeit


 

Der feine Nebel, der seinen herben Geruch in der Morgendämmerung über die Stadt gelegt hatte, verblasst allmählich. Erste Lücken tun sich auf, und die aufgehende Sonne scheint hindurch. Die Silhouette einer Stadt wird immer klarer. Shiny City beginnt in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit zu leuchten.

Aber der friedliche Schein trügt, denn hinter den glänzenden Fassaden verbirgt sich eine eigentümliche Art zu leben und zu denken, die nur bei genauerem Betrachten sichtbar wird, nicht, weil diese so gut verborgen läge – nein, sondern weil alles so normal und gewöhnlich wurde.

Es ist ruhig in der Stadt, wo viele noch schlafen. Aber bald beginnt ein seltsames Treiben, denn nichts ist älter in Shiny City als eine Nachricht, die eine halbe Stunde alt ist. Niemand kann mehr sagen: «Ah, das habe ich nicht gewusst!» – heute heisst es: «Du hast dich nicht informiert, du hast dich nicht bemüht.»

 

In der neuen digitalisierten und globalisierten Arbeits- und Lebenswelt von Shiny City verlangen Freunde wie Bekannte, Kunden wie Arbeitgeber Antworten in Echtzeit. Doch das erfordert permanente Flexibilität und Reaktionsbereitschaft, sofort auf Anfragen, persönliche Wünsche und Anordnungen zu reagieren. Und schon ist die Aufmerksamkeit überall ein bisschen und nirgends mehr richtig. Die Menschen in Shiny City sind kaum noch im gegenwärtigen Moment verankert, weil sie sofort auf das reagieren, was von aussen an sie herangetragen wird. Dabei haben sie immer weniger Zeit zu unterscheiden, was dringend und wichtig ist, was wichtig, aber nicht dringend ist, oder was nur dringend, aber nicht wichtig ist. In der Hektik, die sich langsam, aber unaufhaltsam in ihr Leben geschlichen hat, fehlt ihnen die Zeit zur Problemanalyse und Selbstreflexion. So wurde Effizienz der Antreiber ihrer Zeit, bestimmt vom Diktat der digitalen Möglichkeiten, wo immer mehr in immer kürzerer Zeit möglich wird. Alles nur einen Klick weit entfernt. Was früher ein Notfall war, ist heute in Shiny City zum Normalfall geworden. Und so wurde der durch neuartige Technologien überall verheissene Zeitgewinn einfach durch das höhere Tempo weggefressen.

 

Die Menschen springen von einer Information zur nächsten und häufen sich in kürzester Zeit mehr Wissen an. Die Menschen in Shiny City werden dadurch vielleicht etwas schlauer, aber nicht klüger und erst recht nicht weiser. Denn das Gehirn braucht Zeit und einen längeren Aufmerksamkeitsraum, um Informationen einzuordnen und zu bedenken. Nur so kann es brauchbare Zusammenhänge herstellen – Neues in seiner ganzen Bedeutung verstehen – Fremdes mit Bekanntem in Verbindung bringen – Wissen dauerhaft integrieren.

Und so gleicht das Leben der Menschen aus Shiny City zunehmend den bei einer Bahnfahrt vorüberziehenden Gebäuden und Landschaften; was man eben noch sah, ist im nächsten Augenblick wieder vergessen. Am Abend haben die Menschen viel gesehen und getan, viel gelesen und gesagt, doch die aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelteile bleiben als zerstückelte Fragmente in ihnen zurück. Nichts bleibt hängen, nichts hat mehr Bestand, und das gibt vielen Menschen in Shiny City ein Gefühl der Entfremdung. Ein Gefühl, an sich selber vorbeizuleben.

 

Aber irgendwie begehrt niemand dagegen auf. Denn ein neuer Kult hat in Shiny City Einzug gehalten, der Frauen und Männer hofiert, die stündlich neue Botschaften ins Netz stellen. Sie zelebrieren eine Alles-ist-möglich-wenn-du-wirklich-willst-Haltung, eine seltsam positive Lebensfröhlichkeit. Eine eigenwillige Lebenswirklichkeit hat sich in Shiny City geformt, die weder ein Scheitern noch ein Zweifeln erlaubt, und das ist in der Stadt vielen zu einer unerreichbaren Messlatte geworden.

Denn diese Frauen und Männer verbreiten ihre (Halb-)Wahrheiten, einer Religion gleich, über Portale mit geschönten Profilen. Alles hochwertige Fotos, gut in Szene gesetzt. Und diese neuen digitalen Götter veröffentlichen fleißig, was der Zeitgeist gerade fordert. In ihrer zelebrierten Individualität gleichen sie immer mehr einer dem anderen. Jeder kann ihr Leben in Echtzeit verfolgen, nahezu jeder Schritt, jede Handlung, gar jeder Gedanke wird festgehalten. Ob Mode, Sport, Familie, Beauty, Ernährung, Business – jeden Bereich, egal, wie nebensächlich er auch scheint, haben die digitalen Götter durchdrungen.

Dadurch wurde das permanente Optimieren der persönlichen digitalen Präsenz in Shiny City zum Wettrüsten – und der Drang, sich ständig mit anderen zu vergleichen, sein Antrieb dazu. Alles mit einem Filter versehen, als müsste die Fadheit ihres Lebens mit ein wenig Farbe und Kontrast überzogen werden. Authentizität ist in Shiny City nur noch eine leere, aber glänzende Hülle. Vieles seltsam hohl, aber von den Massen heiss begehrt, gar verehrt.

 

In der Stadt, die langsam erwacht, sehnen sich viele Menschen heimlich nach innerer Ruhe und emotionaler Ausgeglichenheit, denn eine lähmende Müdigkeit breitet sich langsam in der Stadt aus. Aber die Menschen in Shiny City haben ihr Leben in ein starres Korsett von Bits und Bytes gezwängt. Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn die komplexe Welt, die sie geschaffen haben, in der sie alle und alles miteinander vernetzt haben und in Echtzeit aufdatieren, sollte sie von Routine-Arbeit befreien und ihnen mehr Freiheit und Lebensfreude schenken. Aber bald halten die Menschen in Shiny City nicht mehr Schritt mit ihrem eigenen Werk, das permanente Präsenz und Optimierung fordert.

 

Die aufgehende Sonne vertreibt die letzten Nebelschwaden, und ein neuer Tag beginnt in einer Stadt, die verheisst, das Unmögliche mit einer fliessenden Leichtigkeit zu ermöglichen; in einer Stadt, in der scheinbar so viele Menschen so smart sind und mühelos erfolgreich werden, als lebten sie in einem Zauberland.

 

Herzlich willkommen in Shiny City.


                                                                                                                                                       Felipe Vasques  -  Mai 2020

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